CDU-Minister Franz-Josef Laumann
Ich dachte ja erst, bei Franz-Josef Laumann würde es sich um einen einfachen Patzer der Ruhrbarone handeln. Aber das scheint öfters zu passieren. Die Herforder Ausgabe der Neuen Westfälischen kennt den Minister dieses Namens auch. Und raten sie mal was… Selbst im Arbeitsministerium von Nordrhein-Westfalen ist der Name geläufig.
NRW sucht den Ministerpräsidenten
Beim Spiegel spielt man mal CDU-intern die Ministerpräsidentensuche durch. Zwar gibt es auch SPD-Stimmen, die in einer großen Koalition einen SPD-Ministerpräsidenten trotz geringerer Stimmen verglichen mit der CDU haben wollen, aber die gab es auch in Hessen.
Genannt werden als Kandidaten Jürgen Rüttgers (bei Neuwahlen), Armin Laschet, Andreas Krautscheid und Karl-Josef Laumann.
Nun hat Krautscheid sicherlich MP-Ambitionen, hinterließ aber als Generalsekretär im Landtagswahlkampf oftmals einen eher arroganten Eindruck. Die Feuer im Wahlkampf hat er nicht austreten können, was vielleicht etwas viel verlangt gewesen wäre. Immerhin könnte man in der Partei dankbar sein, dass er überhaupt den Posten vom unglücklich agierenden Hendrik Wüst übernommen hat. Aber allzu weit wird die Dankbarkeit wohl nicht gehen.
Bleiben daher Laschet und Laumann. Beide hätten es als MP einer großen Koalition leichter als Krautscheid, beide gelten als eher links. Laschet wird der bessere Auftritt nachgesagt, er gilt parteiintern allerdings auch als Poser. Laumann hat in seiner bisherigen Politikkarriere immer zu taktieren verstanden, stand keinem Skandal nahe und tritt für christliche Werte ein.
Interessant würde es daher werden, wenn (und wann) Laumann seinen Hut in den Ring wirft.
Wahltag der Abrechnung
Heute wird es sich zeigen, ob die Maulwürfe in der NRW-CDU ihr Ziel erreicht haben, ihrer parteiinternen Führung einen Denkzettel zu verpassen. In Umfragen ist die CDU konstant gefallen, von anfangs 41% auf 37%. Zusammen mit einer konturlosen NRW-FDP wird das den Umfragen zufolge nicht reichen für eine Weiterführung der Koalition. Aber lassen wir uns überraschen.
Mit dem heutigen Tag geht aber vorerst der Kombi-Wahlkampf von Bundes- und Landtagswahl zuende, der einen frischen Wind mit sich gebracht hat: Über das Internet wurden massiv Informationen gehandelt, von denen die Parteien allenthalben überrascht wurden.
Das Wir in NRW Blog hat es geschaft, Politiker aus der zweiten Reihe der CDU ins Rampenlicht zu zerren und Eitelkeiten und Schmu zu thematisieren, so wie in der Tat es Tageszeitungen nicht vermocht haben. Hendrik Wüst durfte deswegen seinen Hut als Generalsekretär nehmen, andere wie Landtagspräsidentin van Dinther oder Boris Berger haben fulminant an Ansehen verloren.
In welcher Rolle auch immer die NRW-CDU aus dieser Wahl heraustritt, sie wird intern umkrempeln müssen. Sie wird sich kaum ein zweites Mal erlauben können, derart vorgeführt zu werden wie in diesem Wahlkampf.
Das Wir in NRW Blog resümiert den Landtagswahlkampf, aber auch möglicherweise die eigene Bedeutung abschließend, dass sich bei ihnen 730.000 Leser informiert hätten. Das klingt zunächst imposant, sollte aber runtergerechnet werden: Die Zahl bezieht sich auf 5 Monate, was täglich 4866 IP-Adressen sind, die die Seite angesteuert haben. IP-Adressen sind keine Leser, nicht mal unbedingt Menschen, sprich: Das können auch Computer sein, wie Suchmaschinen. Und da Computer meist täglich neue IP-Adressen bekommen, ist die Hochrechnung dieser Zahl zu 730.000 Lesern gänzlich in Zweifel zu ziehen. Und dann sollte man vielleicht auch noch die Leser herausnehmen, die nur aus beruflichem oder parteistrategischem Interesse die Seite aufrufen. So imposant ist eine solche Zahl dann nicht mehr.
Aber Zeitungen haben dies aufgegriffen und so entstand eine netzwerkartige Verbindung von Blogs und traditionellen Medien, die durchaus viele Wähler erreicht hat. Dieses Netzwerk lässt sich nur nicht anschaulich in Zahlen ausdrücken, allein dadurch schon, dass die traditionellen Medien oft immer noch die eigentlichen Quellen ihrer Nachrichten verheimlichen.
Wenn die NRW-CDU meint, dieses Blog sei eine reine SPD-Kampagne und es gäbe nur einen Maulwurf, offenbart sie nur, dass sie noch weniger vom Internet versteht, als man gedacht hat. Für alle Parteien gilt, dass sie im Internet so recht keinen Draht zum Großteil der Nutzer finden. Oder kennen Sie jemanden, der je vom Restaurant Kraftvoll gehört hat?
In gewisser Hinsicht hat man bei der NRW-CDU recht, wenn man meint, das Internet sei nicht wahlentscheidend: Keine Partei hat es vermocht, über das Internet Wähler zu bewegen. Aber das ist den Parteien anzulasten, nicht dem Internet. Denn dort werden aktuelle politische Informationen inzwischen durchaus wie warme Semmeln gehandelt. So gelangte der Deutsche Hebammenverband in der vergangenen Woche mit seiner E‑Petition innerhalb von nicht einmal 3 Tagen an 50.000 Unterstützer. Sowas wäre früher in dieser kurzen Zeit und überhaupt undenkbar gewesen.
Und noch ein Twitterroman
Die Idee, Twitter als Schreibformat für einen Roman zu verwenden ist nicht neu. In den Niederlanden ist ein derartiges Projekt schon seit längerem im Gange: Unter @tweetroman werden durch externe Twitterer immer mal wieder einzelne Sätze für eine kommende, ganze Geschichte beigesteuert. Das wird allerdings nicht unter der Aufsicht von irgendwem, sondern von Roeland Giphart erstellt, und das ist nicht irgendwer in der niederländischen Literaturszene. Der Film Phileine zegt sorry, der nach seinem Buch gedreht wurde, gehört für micht zum Aufregendsten und Komischsten, was das niederländischste Kino in diesem Jehrzehnt geboten hat:
Er ist übrigens der Typ mit dem Buch in der Hand, und meint, dass der Film einfach besser als das Buch sei. Nun ja ;-). Sein Twitter-Roman-Projekt ist also in niederländischer Sprache gehalten und man kann es unter tweetroman.nl nachlesen.
In Deutschland versuchte sich auch eine Schreiberin mit einem über Twitter nachhaltig beworbenen Blog, einen gestückelten Roman zu erstellen. Das wurde gar auf irgendeiner Konferenz vorgestellt, die mir aber gerade entfallen ist. Allerdings ist das Projekt wohl begraben worden.
Jetzt also das nächste Projekt: Unter @fluegelschlag wird stündlich ein Satz eines noch zu veröffentlichenden Romans in die Welt getwittert und der Schreiber schon als Pionier der Twitteratur gefeiert. Heraus kommt dann sowas:

Und wer sowas mag, der sollte unbedingt weiterlesen ;-).
NRW-CDU kurz vor der Wahl weiter in Erklärungsnöten
Vor kurzem noch hatte der neue NRW-CDU-Generalsekretär lauthals behauptet, der Wir-in-NRW-Blog sei eine reine SPD-Schmutz-Kampagne. Nun wird man wohl einem Blog, der kritikfrei Sigmar Gabriel, Bärbel Höhn und Sylvia Löhrmann bei sich bloggen lässt, eine gewisse Rot-grün-Schwäche unterstellen dürfen.
Allerdings gesteht Krautscheid heute beim Spiegel ein, dass der Wir-in-NRW-Blog eben inhaltlich nicht unrecht hat. Über die Spendenaffähre rund um eine offensichtlich täuschende “unabhängige Wählerinitiative” hatte der Wir-in-NRW-blog am 18.04. berichtet.
Heute schreibt hierzu der Spiegel:
Wie CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid nun bestätigte, war die Partei schon in einer frühen Wahlkampfphase in die Pläne zur Gründung der Initiative eingeschaltet. Nach SPIEGEL-Informationen hatte die Initiative nach der erfolgreichen Landtagswahl sogar noch ihre Akten samt Rechnungsunterlagen in der Parteizentrale abgeliefert. Daher prüft nun die Bundestagsverwaltung, ob die Verbindung zwischen Partei und Initiative so eng war, dass die Einnahmen der Gruppe als Gelder der Union zu werten sind und im Rechenschaftsbericht für das Jahr 2005 hätten auftauchen müssen. Davon gehen mittlerweile selbst enge Rüttgers-Berater aus, die nun ein Strafgeld wegen verdeckter Parteienfinanzierung erwarten.
Krautscheid begründete den Vertrag zwischen Partei und Agentur damit, dass die Rüttgers-Unterstützer ihr gesammeltes Geld “komplett für Zeitungsanzeigen und andere Aktionen, nicht für die Organisation der Kampagne” hätten verwenden wollen.
Das ist wohl das Äußerste, was man sagen darf, wenn man der eigenen Partei nicht zusätzlich schaden möchte.
Es bleibt dabei, dass die Führung der NRW-CDU die Skandale rund um die Partei nicht eingrenzen kann, und das geht vor allem auf Kosten derer, die sich ehrenamtlich für diese Partei engagieren. Von daher wäre ein großer Umbruch in dieser Partei wohl nicht das Schlechteste.
Sollte Rot-Grün die Wahl gewinnen, ist sowas sowieso zu erwarten, spannend wird es in der CDU bei einer großen Koalition. Angesichts der anhaltenden Skandale unter der Verantwortung von Jürgen Rüttgers ist eine derartige Konstellation unter ihm als Ministerpräsidenten zumindest fraglich. Spannend bleibt’s.
Was ich noch sagen wollte zur… Demontage des Toleranz-Begriffes der CDU

Ich habe meinen Text zu Aygül Özkan gestern morgen damit begonnen, dass ich meinte, dass es mit ihr in der CDU noch sehr heiter werden könnte. Ich hatte gar nicht erwartet, dass sich genau diese Erwartung im Laufe des Tages noch derart bestätigen sollte. Aber zwischen Aufklärung und christlicher Tradition, zwischen rationalen Argumenten und Starrsinnigkeit zermürbt sich da die christliche Volkspartei.
David McAllister hat folgenden Blödsinn zu Protokoll gegeben:
Ministerpräsident Christian Wulff, die designierte Sozialministerin Aygül Özkan und ich haben deutlich gemacht, dass das Niedersächsische Schulgesetz nicht geändert wird und Kreuze an niedersächsischen Schulen erwünscht sind. Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.
Da hat aber jemand ordentlich Muffensausen vor einer Wählerabschreckung. Anders ist dieser Unfug, nach dem eine Muslimin eingesehen hat, dass sie sich christliche Kreuze an niedersächsischen Schulen erwünsche, nicht zu verstehen. Soweit musste sie wohl vorsichtshalber zurückrudern, um für diese Partei Ministerin werden zu können.
Aber dieser Ausdruck von Intoleranz, gegeben dadurch, dass man die designierte muslimische Ministerin in kürzester Zeit von einer Haltung, die durch das Bundesverfassungsgericht und vernünftiges, aufgeklärtes Nachdenken gestützt ist, zur Behauptung des Gegenteils bewegt, wird gottseidank gleich im nächsten Satz persifliert:
Das — widerum — durch Intoleranz gegenüber anderen Religionen seinen Platz in staatlichen Gebäuden zugewiesene Symbol sei für sich genommen ein Symbol der Toleranz gegenüber anderen Religionen. SCHNÖFF — TÄ TÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!
Was ich noch sagen wollte zu… Aygül Özkan

Aber damit noch nicht genug: Sie fordert, dass sowohl Kopftücher als auch Kruzifixe aus den Klassenzimmern verschwinden. Deubel nochmal! Ja, warum sollte es auch dem katholischen Fundamentalismus anders ergehen als dem islamischen?
Ich habe in meinem Bekanntenkreis auch Leute, die ich für offen hielt, die aber mit Sätzen kamen wie: Das wird hier noch ganz anders, wenn die Muslime überall ihre Moscheen hochziehen und diese Glaubensrichtung an Gewicht zunimmt. Da steckte eine latente Angst, eine bange Vorsicht drin. Als ob bei den Muslima eine aufgeklärte Orientierung an so ein C oder S oder wie immer man es interpretieren möchte, komplett undekbar wäre.
Man sieht derartige Haltungen auch gerne mal journalistisch aufbereitet in Überschriften wie heute bei der FAZ: Kann Aygül Özkan Ministerin? Das soll wohl an die Laien-Castingshow beim ZDF erinnern und rückt Özkan in die Rolle der maximal talentierten Hobbypolitikerin. Daneben findet man bei der FAZ dann so böse Gedanken wie folgenden:
Dass Aygül Özkan einen ebenfalls türkischstämmigen Ehemann hat, einen Arzt aus Eppendorf, mag den einen zeigen, wie sehr sie trotz allem „im Migrationshintergrund“ verhaftet geblieben ist. Den anderen ist genau das vermutlich ein besonderer kultureller Gewinn der Integration.
Die Idee, dass jemandem derartige Gedanken gar nicht kommen, ist der FAZ offensichtlich fremd. Das resprektlose Rumspekulieren über Privatangelegenheiten hat offenbar seinen sicheren Platz in der FAZ.
Aber darum geht es mir nicht: Mit beiden Gedankengängen repräsentiert Özkan den Typus des aufgeklärten Denkers von heute. Wenn sie vor der eigenen Partei nicht einknickt oder sich ihre Haltung als Opportunismus entpuppt, kann die Frau Gold wert sein. Das merkt man alleine schon an den Leuten, die sich so schnell gegen sie positionieren:
Der CSU-Politiker Herrmann sagte der “Rheinischen Post”, Deutschland sei von der christlichen Tradition geprägt. Das solle auch der jungen Generation in den Schulklassen vermittelt werden. Der frühere bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) verwies die Deutsch-Türkin Özkan auf das Grundgesetz. Dieses sei nach der NS-Zeit mit ausdrücklicher Rückbesinnung auf das christliche Menschenbild verabschiedet worden, sagte Goppel, Vorsitzender des Geprächskreises der “ChristSozialen Katholiken”.
Staatsministerin Böhmer sagte am Montag im Deutschlandfunk, Deutschland stehe in einer Jahrhunderte alten christlichen Tradition: “Kreuze in den Schulen sind Ausdruck unserer Tradition und unseres Werteverständnisses.” Die Forderung Özkans sieht Böhmer jedoch nicht als Hindernis für die CDU-Politikerin, das Ministeramt anzutreten. “Natürlich sollen Migranten alle Möglichkeiten in unserem Land haben”, betonte Böhmer.
Wie schön, dass man gleich einen Kritiker mit Begriffen wie Migrant deckelt. Aber diese An-unsere-Werte-Erinnerer sollten sich ihrerseits auch immer wieder klar machen, dass die vorrangige Stellung, die das Christentum heute in Deutschlands Bildungssystem genießt mehr mit Hitler als mit den Vätern des Grundgesetzes zu tun hat. Und abgesehen davon: Das Kreuz ist mitnichten Ausdruck “unseres” Werteverständnisses.
Ihr Chef Christian Wulff hat da wohl auch so seine Probleme mit einer nicht dem Christentum sich verpflichtet fühlenden Politikerin:
In Niedersachsen werden christliche Symbole, insbesondere Kreuze in den Schulen, seitens der Landesregierung im Sinne einer toleranten Erziehung auf Grundlage christlicher Werte begrüßt.
Und Religionsfreiheit darf es da eben nur bei Schülerinnen und Zimmerwänden geben:
Aus Gründen der Religionsfreiheit würden auch Kopftücher bei Schülerinnen toleriert — nicht aber bei Lehrkräften, was Özkan auch gemeint habe. „Frau Özkan hat ihre persönliche Meinung zur weltanschaulichen Neutralität geäußert, aber sie stellt die niedersächsische Praxis nicht in Frage.“
Zumindest nicht ausdrücklich. Aber man kann so ein Abbügeln natürlich auch anti-aufklärerisch aufziehen, wie der Vorsitzende der Schüler-Union:
Der Bundesvorsitzende der CDU-Nachwuchsorganisation Schüler-Union, Younes Ouaqasse, forderte den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christan Wulff (CDU) auf, auf die Ernennnung Özkans zur Ministerin zu verzichten. “Diese Frau hat ihre Kompetenzen überschritten”, sagte Ouaqasse der “Bild-Zeitung”. Durch Aussagen wie die von Özkan verlören die Volksparteien CDU und CSU ihre Glaubwürdigkeit und damit ihren Rückhalt in der Bevölkerung.
Und so lange der Rückhalt in der Bevölkerung nicht gesichert ist, so lange muss Wahrheit auch mal hinten anstehen. Jonathan Swift hat das mal so formuliert:
Tritt ein wahres Genie in die Welt, erkennt es an den Idioten, die sich dagegen verschwören.
[ Foto: http://www.flickr.com/photos/teller/ / CC BY-NC-SA 2.0 ]
Was ich noch sagen wollte zu… eheähnlichen Gemeinschaften

Julia Seeliger hat drüben bei der taz einen Text über alternative Lebensgemeinschaften zu Ehen geschrieben und fordert adequate Rechte. Sie beginnt den Text mit der Information, dass ihre Freund, während sie schreibt, sich mit einer anderen vergnügt. So gesehen kann der Text auch dahingehend verstanden werden, dass man von solchen Texten verschont bleibt, wenn man den Freund nur zur Monogamie zwingt. Jedenfalls: Wer berufliches Schreiben nicht vom Erzählen seiner Privatmeinung trennen kann, und das auch gleich zu Beginn eines Textes, der sollte sich nicht wundern, wenn über Privates dann auch kommentiert wird.
Generell fasst Seeliger Ehe als Form von Liebesgemeinschaft auf, und dazu gäbe es Alternativen. Daher sollte was verändert werden. Nun ist die Ehe als Liebesverbindung ein Gedanke neueren Datums. Das kann man auch anders auffassen. Nach Immanuel Kant z.b. ist eine Ehe
die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.
Gegen Schwule und Lesben hat er also was. Diese stellten eine widernatürliche Geschlechtsgemeinschaft dar, und unter einer Geschlechtsgemeinschaft versteht Kant
wechselseitigen Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht
[Brecht hat das mal vergnüglich auf die Schippe genommen.] Von Liebe ist hier keine Rede, von der Kinderplanung auch nicht, sondern nur vom Genuß, denn jemand, der eine Ehe eingeht, von der Geschlechtsgemeinschaft hat. Werden jetzt Kinder in die Welt gesetzt, haben Eltern die Aufgabe,
sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zustande [d.i. dem In-die-Welt-gesetzt-sein ] zufrieden zu machen
weil die so gezeugten Personen ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt wurden. Hieraus entsteht nach Kant eine notwendige häusliche Gesellschaft, die in Rede stehenden Personen bilden eine Familie.
[Kant, AA VI, 277ff.]
Interessant an der ganzen Geschichte ist nun, dass ja viele heutzutage an der Kantischen Sicht das Widernatürliche, was Schwule und Lesben angeht, abstreiten würden, ohne dass sie vollkommen vom Begriff des Widernatürlichen lassen würden. Man lässt keine Kuh als Elternteil zu, weil das widernatürlich ist. Die Verbindung von Mann und Frau ist der einzig natürliche Weg zur Erzeugung eines Kindes, bei allen anderen Möglichkeiten. Adoption ist eine staatliche Anerkennung einer Lebensgemeinschaft als Fürsorger eines Kindes, aus der rechtliche Ansprüche erwachsen.
Den Vätern des Grundgesetzes war bei ihrer Idee der Famile der Gedanke der Versorgung der Frau und der Kinder wichtig. Den Kindern sollte ein gutes Aufwachsen ermöglicht werden, auch wenn der Ehemann frühzeitig starb und so die Frau Oberhaupt der Familie wurde. Ein Wertewandel hat sicherlich insofern stattgefunden, als dass damals rein rechtlich, die Ehefrau beim Kauf einer Wurst nur ihren Ehemann vertrat, da sie selbst keine Verträge eingehen durfte.
Eine Veränderung des Familienbegriffs in rechtlicher Hinsicht hin zu einem mehr metaphorischen Gebraucht scheint mir damit eher unsinnig zu sein.
Was ich noch sagen wollte zum… neuen katholischen Rechtsverständnis

Vor kurzem hat man ja bei der Katholischen Kirche rausgegeben, dass bei Missbrauchsfällen sofort die zuständigen staatlichen Stellen zu informieren sind und dass dieses Vorgehen nicht von einer internen Untersuchung verschoben werden darf.
Auch in anderen Dingen steht man nun neuerdings wohl ganz schnell auf der Matte der Gerichte: Offenbar ohne zunächst eine außergerichtliche Einigung mit einem Regensburger Blog zu suchen, ist nun das Regensburger Erzbistum gegen dieses vors Landgericht Hamburg gezogen. Dies bringt die Blogbetreiber gleich in finanzielle Bedrängnis, so dass möglicherweise vor Gericht aus Kostengründen die eigene Position nicht verteidigt werden kann.
Warum Nicht-Hamburger ihre Konflikte mit Nicht-Hamburgern sehr gerne in Hamburg klären lassen, dass erfährt man bei der Wikipedia. Meist wird argumentiert, dass die betroffenen Medien, zu denen eine Klage erhoben wird, eben auch in Hamburg konsumiert werden können. Vielleicht haben Regensburger Hirten tatsächlich Sorge um Hamburger Schafe.
Dennoch denke ich, dass man mit dem Motto des bibelfesten Hennes Rau, Versöhnen statt spalten, eine andere Lösung hätte versuchen sollen. Gerade in Anbetracht der aktuellen Gesamtlage. Was ist da schon ein möglicher juristischer Sieg über einen bislang kaum gelesenen Blogeintrag?
Was ich noch sagen wollte zu… den Schwarzmalereien der F.A.Z

Bei der F.A.Z. scheint man ein beständiges Interesse an Schwarzmalereien zu haben. Das zeigte sich vor Tagen an diesem Artikel über Literatur und Internet, dann an diesem Artikel über Blogger und in dieselbe Kerbe wie letzterer schlägt dann heute dieser Artikel von Harald Staun.
Was ist der Grundtenor dieser Artikel? Es gibt einen Bereich, den ein paar Leute für innovativ halten, man identifiziert dann diese Leute als Irrläufer und den Bereich als unter einer Käseglocke seiend.
So liest sich dann auch der Text von Staun. Dieser endet mit den Worten
Wer solche Utopien hat, der ist natürlich wirklich gegen jede Kritik immun.
Damit bezieht sich Staun auf Sascha Pallenberg, den Staun so verstanden haben will, als habe er gesagt, man könne ganz einfach dadurch mit Blogs Geld verdienen, dass man täglich 72 Stunden arbeitet.
Lieber Herr Staun: Das war ein Witz. EIN WITZ!
Es ist natürlich anzunehmen, dass Staun den Witz verstanden hat, auch wenn offenbar diese aktuelle Stellungnahme von Pallenberg völlig an ihm vorbeigegangen sein muss. An dieser Stelle sollte man nur die seltsame Methode festhalten, mit der da ein Journalist versucht denen, die er da als Blogger ausgemacht hat, den Hals umzudrehen:
Man nehme eine witzig gemeinte Bemerkung, reiße sie aus dem Zusammenhang und mache dann an ihr fest, dass derartige Personen (“Wer solche Utopien hat”, d.i. “die Blogger”) die nötige Ernsthaftigkeit für eine realistische Wahrnehmung fehle. Fertig ist die Laube. (Wobei Staun für die Richtung seines Artikels mit Sascha Pallenberg allerdings auch kein untauglicheres Beispiel hätte heranziehen können.)
Ein mutwillig missverstandener Witz ist der Schlusspunkt des Textes von Staun, man kann sich also ungefähr vorstellen, welche inhaltliche Tiefe der Text bislang erreicht hat. Denn es ist auch völlig unklar, was unter der Kritik gemeint ist, von der Staun im letzten Satz redet. Und wer ist der Kritiker?
Einen wichtigen Erkenntnisschritt sieht Staun zumindest hierin:
Mit der Hinfälligkeit der Dichotomie von online und offline erledigt sich aber auch der Antagonismus zwischen der technikverliebten Blogosphäre und jenen, die moderne Kommunikationstechniken einfach nur mit einer gewissen Selbstverständlichkeit benutzen, ohne gleich einen Lebensentwurf daraus abzuleiten. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben das auch die Blogger so langsam begriffen.
Wer sind jetzt wohl die Blogger? Wer ist die technikverliebte Blogosphäre, die ihre Kommunikationstechniken als Lebensentwurf sehen? Und wer hat wohl eher verstanden als die Blogger, die ja nur langsam begreifen?
Nein, für Staun und offensichtlich auch die F.A.Z. sind Blogger eben nur das, was für die katholische Kirche die Atheisten sind: Geistlose Wirrköpfe, die ein stabiles System kaputt machen.
Deswegen sympathisiert Staun dann auch mit Netzkritiker Lovink und kanzelt Peter Kruse ab, bevor er inhaltlich was zu diesem gesagt hat, und ebenso Felix Schwenzel und Sascha Pallenberg. Man teile die Menschen einfach in zwei Gruppen ein und charakterisiere die Gruppen dann an Einzelbetrachtungen von ein paar eingeordneten Personen. So einfach ist das:
Im Großen und Ganzen aber scheinen selbst all jene, die sich lange für digitale Autochthone gehalten haben, für die Indianer des Internets gewissermaßen, begriffen zu haben, dass sich der Zugang zum “Achten Kontinent” (Peter Glaser) nicht so einfach regeln lässt wie zur “re:publica”, mit der Vergabe von All-inclusive Bändchen also.
Eindeutig zu wenig Metaphern in diesem Satz, wenn Sie mich fragen. Aber gut, jemand, der den Witz von Pallenberg nicht schnallt, dem traue ich auch zu, dass er jemanden für voll nimmt, der ihm erzählt, er wolle sein ganzes Leben mit einem einzigen All-inclusive-Bändchen bestreiten. Offensichtlich hat Staun ja solche Leute auf der re:publica getroffen. Wenn er denn da war.
Die F.A.Z. sollte mal dringend zusehen, dass sie die Geister mal wieder los wird, die sie da so gerufen hat, denn eine Zielgruppe für solch schwarzmalende Journalismus-Durchhalteparolen-Artikel ist mir — abgesehen von Journalisten selber — ziemlich unbekannt.
Aktualisierung:
Thomas Knüwer hat Sascha Pallenberg auf die Bemerkung mit den 72 Stunden angesprochen, worauf dieser erwidert:
Ich habe in meinem Vortrag zur Blog-Monetarisierung provozierend gesagt: “Mein Tag hat 48h und ich brauche 72″. Das war auch ein Slide. Dann bin ich ausfuehrlich darauf eingegangen, dass ich zwischen 12 und 16h am Tag arbeite und wollte damit Bloggern die Illusion nehmen, dass man im Internet in 5 Minuten reich werden kann.
Wie sagte Pispers mal so treffend:
Das Einzige, was an diesem Journalismus noch kritisch ist, ist sein Geisteszustand.

