Ver­e­na Friederike Hasel hat im Tagesspiegel einen Patch­work-Artikel über Blogs veröf­fentlicht. Inter­es­san­ter­weise wurde sich auf den Artikel in der Blo­gosphäre kaum bezo­gen. Nur Spree­blick und Coffee&TV rümpften etwas ihr pekiertes Näschen.
Dabei ist der Artikel, wie ich finde, schön geschrieben. Und man sollte ihn auch als Patch­work-Artikel lesen. Sie ver­sucht zwar auch einen generellen Aus­blick über die Blogs und was sie noch ler­nen müssen zu geben, aber das klappt irgend­wie nicht. Kann man auch ignori­eren. Sie wirft einen sach­lichen Blick auf Blogs, durch die Augen ein­er Leserin, die nun nicht über alle Maßen blo­gaf­fin ist. Dazu passt es nicht, die Posi­tion im Artikel zu wech­seln und irgendwelche Wer­tigkeit­en ins Spiel zu brin­gen. Hätte man auch nicht müssen. Aber egal.
Hasel kratzt aber an zwei Din­gen, die ich ganz inter­es­sant finde. Ein­er­seits, die von ihr abgelehnte “Bühne der Frei­heit”, die Blogs darstellen — wer immer das auch behaupten mag. Ander­er­seits die Frage, weswe­gen Blogs in Deutsch­land sich nicht so durchge­set­zt haben.
Über Frei­heit hat­te ich es ja schon ein­mal. Hasel lässt ihren Gedanken aber verküm­mern. Blogs seien keine “Bühne der Frei­heit”, weil der Blog von Pax erst durch den Guardian gehypt wer­den musste. Und eine weitre­ichende Ver­bre­itung von Blogs stünde ent­ge­gen, dass sie zuviel Infor­ma­tion böten, als dass eine größere Anzahl von Lesern die Muße hät­ten, sie zu durch­stöbern.
Es ist völ­lig unklar, weswe­gen Blogs nun keine “Bühne der Frei­heit”, was immer damit gemeint sein soll, sind und ob bei­de nach­fol­gen­den Gedanken dage­gen sprächen. Damit meint man doch eine pub­lizis­tis­che Unab­hängigkeit. Gewährt im aller­grundle­gen­sten Fall durch kosten­lose Blo­gan­bi­eter. Zeitun­gen dür­fen sich ja viel eher die Frage stellen, ob sie eher eine “Bühne der Frei­heit” sind, wenn es sich heutzu­tage keine einzige Tageszeitung leis­ten kann, nicht über das Dschun­gel­camp zu bericht­en. Blogs kön­nen das. Ohne Prob­leme. Und ohne zu befürcht­en, dass man deswe­gen out wer­den würde. Die Blogs leis­ten sich genau die jour­nal­is­tis­che Frei­heit, mit denen Zeitun­gen einst ange­fan­gen sind. Vielle­icht sind Zeitungs­mach­er weniger über Blogs, son­dern über den Ver­lust des eige­nen früheren Sta­tus’ so sauer.
Der zweite inter­es­sante Gedanke Hasels dreht sich um die the­ma­tis­che Bedeu­tungslosigkeit deutsch­er Blogs. Diese Diskus­sion gibt es in anderen Län­dern eben so. Immer wird der Ver­gle­ich mit Ameri­ka angestrebt, dort seien Blogs viel tiefer ver­ankert. Dort spie­len aber auch Radiosendun­gen poli­tisch eine bedeut­samere Rolle als in Deutsch­land. Nie­mand beschw­ert sich um die Bedeu­tungslosigkeit von WDR 4.
In der Tat sind die bekan­ntesten deutschen Blogs erschreck­end seicht. Hasel unkt, dass kön­na damit zusam­men hän­gen, dass bish­er kein spek­takulär­er Coup gelandet wor­den sei, was damit zusam­men­hän­gen kön­nte, dass Deutsche wenig blo­gaf­fin seien. Auch kein son­der­lich überzeu­gen­der Schluss. Blöd für die Zeitun­gen bleibt weit­er­hin, dass in Blogs die Gefahr lauert, dass sie an Niveau deut­lich zule­gen.
Ich denke eher, dass deutsche Zeitun­gen doch ziem­lich gut sind. Was wirk­lich poli­tisch rel­e­vant ist, wird von denen aufge­grif­f­en und durch kluge Köpfe wiedergegeben. Die gegen­seit­ige Konkur­renz spornt da auch an. Das ist doch gut. Deutsch­land­in­terne The­men sind also qua­si vergeben an Zeitun­gen, wenn die schon nicht ein­mal mehr ihre Pfoten von Pop­kul­turscheiss wie dem Dschun­gel­camp lassen kön­nen.
Derzeit wären deutsch­landex­terne aber deutsch­landrel­e­vante The­men ein Freiplatz. Es gibt viele Krisen­ge­bi­ete, die in deutschen Zeitun­gen nicht unterkom­men, weil die zuständi­gen Redak­teuere meinen, sie hät­ten keinen Platz dafür.
Es ist schon son­der­bar, dass deutsche Zeitungsleser derzeit bess­er über die Lage im Dschun­gel­camp informiert sind als über die Lage der Hutus und Tut­sis. Und komme mir nun nie­mand mit, das eine sei doch nun Feuil­leton und das andere der Poli­tik­teil. Wie zynisch möcht­en Sie wer­den? Statt Leuten bei der Zivil­i­sa­tion zu helfen, entzivil­isiert man lieber zur Unter­hal­tung abge­halfterte Ex-Stars. Und die Zeitun­gen müssen darüber schreiben. Sie müssen es. Ver­ste­hen Sie? Sie müssen es:
TAZ, FAZ, Süd­deutsche, Tagesspiegel, Welt, NOZ, Die ZEIT, Frank­furter Rund­schau, Berlin­er Mor­gen­post, Rheinis­che Post, Ham­burg­er Abend­blatt, Gen­er­al Anzeiger Bonn, Neuß-Greven­broich­er Zeitung, Berlin­er Zeitung, Augs­burg­er All­ge­meine, Wet­ter­auer Zeitung, tz, Mit­teldeutsche Zeitung, Köl­ner Express und und und.
Dies scheint aber nur ein Virus zu sein, das deutsche Zeitun­gen anheim­fällt. Die Neue Zürich­er Zeitung kann auch seit 3 Jahren ganz gut ohne.
Damit fällt aber auch das Argu­ment der Unüber­sichtlichkeit von diversen Blogs, aus denen der User mühevoll seine Infor­ma­tio­nen her­aus­suchen muss. In Zeitun­gen muss er mit­tler­weile genau­so fil­tern, um neben Dschun­gel­camp-arti­gen Bericht­en und Wer­bung das Inter­es­sante zu find­en.

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guembel
Jet­zt ist also mit Thorsten Schäfter-Güm­bel schon der näch­ste SPD-Poli­tik­er da, der über Twit­ter irgend­wie ver­sucht, Pub­liz­ität zu bekom­men. Und nach Huber­tus Heil will erneut Sascha Lobo, eifrig Parteisol­dat, dieses beflügeln. Let­zter­er hat­te schon im Dezem­ber über den Twit­ter-Auftritt von Heil in der Süd­deutschen behauptet, es sei ein großer Erfolg gewe­sen. Im Gegen­zug wurde Lobo von der Süd­deutschen ein Vor­re­it­er in Sachen Twit­ter genan­nt. Schön zu lesen, mit welch­er Leichtigkeit hier irgendwelche Begriffe in Texte geschmis­sen wer­den, deren Aus­sagekraft an nichts ver­ständlich gemacht wird. Um einen Vor­re­it­er im Sine von “Pio­nier” wird es sich wohl kaum han­deln. Vielle­icht um einen Vor­re­it­er der Apoka­lypse, wenn man sich die Apoka­lypse etwas weg­denkt.
Wie auch immer. Dieses Vorge­hen scheint sowieso ein Trend bei SPD und anderen zu sein. In kein­er anderen Partei wer­den ja ger­ade soviele Leute ver­heizt. Ypsi­lan­ti, Heil, Schäfer-Güm­bel. Alles Per­so­n­en, die irgend­wann irgend­wie ohne auf ihrer Per­sön­lichkeit gegrün­detes Inter­esse im Schein­wer­fer­licht ste­hen und die Zeit der Anleuch­tung nicht zu nutzen wis­sen, um Inhalte rüber zu brin­gen. Und wenn das Licht dann wieder ged­immt wird, sitzen sie wieder im Dunkeln. Da kann man noch so lange ver­suchen, irgendwelche Trends aufzus­püren und zu denken, man müsse doch nur Teil ein­er Trend­be­we­gung sein, um Erfolg zu haben, genau dieser wird sich nicht ein­stellen. Es erin­nert mich fast an die 80er, in denen scham­los irgendwelche Pop­songs aus dem Englis­chen hah­nebüchend ins Deutsche über­set­zt wur­den (“Moon­light Shad­ow”). Das funk­tion­ierte so lange einiger­maßen gut, bis die Ange­sproch­enen das Prinzip ver­standen hat­ten, bis sie eben­so auf die Orig­i­nale zugreifen kon­nten und auf die Raubkopie verzichteten.
Um diese Aktion noch etwas zu beweihräuch­ern, wurde Schäfer-Güm­bel über Twit­ter von Robert Basic inter­viewt. Wenn Sie jet­zt fra­gen: Ja, was qual­i­fiziert denn Robert Basic eigentlich dazu, Schäfer-Güm­bel zu inter­viewen, ist das ganz ein­fach zu beant­worten: Unge­fähr das, was Schäfer-Güm­bel qual­i­fiziert, Min­is­ter­präsi­dent von Hes­sen zu wer­den oder das, was den Ex-Blog­ger Lobo qual­i­fiziert, über andere Blogs zu richt­en: Der Glaube an deren Qual­i­fika­tion. Unter Beweis gestellt wird das nicht. Das ist auch gar nicht vorge­se­hen. Fans in den eige­nen Rei­hen gibt es schließlich genug:
spdadmin
Aber es dauert wohl noch einige Zeit, bis die ehe­ma­lige Volkspartei SPD lernt. Bis sie lernt, dass das Konzept, jeman­den ein­fach zu bes­tim­men, im Schein­wer­fer­licht zu ste­hen, und ihm danach irgendwelche Trends auf den Hals zu drück­en, nicht auss­re­icht, um Poli­tik zu betreiben.
Barack Oba­ma hat um Glaub­würdigkeit gekämpft, nicht um Trends. Trends stell­ten sich zwar sicher­lich ein, aber erst nach­dem Glaub­würdigkeit in gewis­sem Maße hergestellt war und weit­er­hin angestrebt wurde. Er hat sich eben nicht, wie die SPD, durch plat­te For­mulierun­gen und Aufmerk­samkeits­ge­heis­che um die Glaub­würdigkeit gebracht. Das ist der große Unter­schied zwis­chen erfol­gre­ichen Orig­i­nalen und ihren Cov­erver­sio­nen.
P.S.
Ganz putzig ist aber die Titan­ic, die, kaum hat Schäfer-Güm­bel angekündigt in Saal­burg zu sein, seinen Dop­pel­gänger sagen lässt, er gebe jet­zt dort eine Lokalrunde.

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Zwis­chen pen­e­trant gut­ge­laun­ten Hol­län­dern, den charmez­er­fließen­den Fran­zosen, den ras­si­gen Ital­ienern, den nordisch coolen Schwe­den und den braunge­bran­nten Spaniern machen wir männlichen Deutsche keine allzu gute Fig­ur in Europa.
Wir sind die Pünk­tlichen. Die Genauen. Die Adret­ten. Na, super. Da sehe ich schon, wie die für Europa zuständi­ge Män­ner­be­gutach­tungs­beamtin den Deutschen mitlei­dig ansieht und fragt: “Haben sie denn nicht noch irgen­det­was, das man inter­es­sant aus­drück­en kön­nte?” Das wird schwierig, nach­dem man der Klatt(sch)-Presse in den let­zten Wochen ent­nehmen durfte: Selb­st die Schweiz­er sind geil­er als wir.
Vielle­icht soll­ten sich die deutschen Män­ner in diese Rolle fügen. Alle? Nein, nicht alle. Manche Män­ner ent­fliehen spon­tan dem All­t­agsaller­lei, brechen aus, lassen es zu, den Erst des Lebens Ernst sein zu lassen und twit­tern:
werkzeugkasten2
Bei Ereignis­sen wie der Son­nen­fin­ster­n­is oder vor­bei­fliegen­den Kome­ten trifft man manch­mal auf das Vergnü­gen ein­er natür­lichen Volks­belus­ti­gung. Man weiß, es schauen noch dutzende andere Men­schen ger­ade nach draußen. Dutzend andere, die — ihrer Mick­rigkeit bewußt — staunend den Blick an den Nachthim­mel richt­en.
Pat­Pos­si­ble erin­nert an dieses wun­der­same Beisam­men­sein. Und das Schöne dabei ist, seine Ankündi­gung kön­nte dur­chaus wahr sein.
Denn weil wir alle wis­sen, dass Werkzeugkästen nicht selb­stleuch­t­end sind und auch immer so niedrig fliegen, dass sie durch keinen anderen Stern oder die Sonne anges­trahlt wer­den, ist es sowieso schw­er, sie zu sehen, wenn sie da draußen fliegen. Pat­Pos­si­ble weiß ja auch nur, dass das Schaus­piel 4 Minuten dauert, irgend­wann zwis­chen 18 und 20 Uhr.
Ja, das klingt abge­fahren, aber wenn es in ein paar Jahren nach Hel­loween und Mar­tin­sumzug einen neuen Feiertag gibt, an dem begeis­terte Kinder bunte, kleine Werkzeugk­isten durch die Luft wer­fen, um an jenen Abend zu erin­nern, dann wun­dert sich kein­er mehr.
Ich jeden­falls habe raus­geschaut an diesem Abend. Man weiß ja nie.

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joerges
Am ver­gan­genen Son­ntag hat sich STERN-Chefredak­teur Hans-Ulrich Jörges bei Alexan­der Kluge hinge­set­zt und gemeint, man hätte die Finanzkrise kom­men sehen kön­nen. Er habe dies schon in einem kri­tis­chen Artikel im Sep­tem­ber 2007 getan. Angela Merkel sei seit­ens der Amerikan­er in Ken­nt­nis geset­zt wor­den, dass 3 Bil­lio­nen Dol­lar auf der Kippe ste­hen, “ver­nichtet” zu wer­den. Merkel und Stein­brück, die sein­er Ansicht nach alles alleine auskun­geln, hät­ten ein­schre­it­en kön­nen. Hät­ten ein­schre­it­en müssen. Hät­ten das Finanzge­baren inten­siv­er kon­trolieren und reg­ulieren müssen. Stattdessen habe man die Hände in den Schoß gelegt und nichts getan. Ein Jahr lang nichts.
Jet­zt klingt das irgend­wie so, als ob Merkel nur ihr Super­man-Kostüm aus dem Schrank raus­holen hätte müssen und schon wäre die Krise inner­halb eines Jahres für Deutsch­land wesentlich abgefed­ert­er angekom­men. Dabei ist Jörges’ Kom­men­tar bei weit­em nicht so alarmierend, wie er ihn zu lesen scheint. Er klingt darin eher wie der Aus­plaud­er­er von Schlechtwet­ter­halb­wahrheit­en, die kein Leser genau einzuschätzen ver­mag. Ein Appell an die Regierung lese ich schon gar nicht daraus.
Aber okay, so gut kenne ich mich mit den poli­tis­chen Chan­cen ver­gan­gener Tage nicht aus. Aber Jörges nahm, wie ansatzweise auch schon in seinem Artikel, noch die Gele­gen­heit wahr, das Finanzge­baren als Kul­turzeit­en­wende zu deuten. Es werde entwed­er so sein, dass solche Bohlensendun­gen im Fernse­hen noch schlim­mer wer­den wür­den oder es gäbe eine vol­lkommene Abkehr von der­ar­ti­gen Sendun­gen. Die Über­be­w­er­tung von Geld führt nach Jörges also zu ein­er Unter­be­w­er­tung von Kul­tur. Das Über­maß des Einen erniedrigt das andere. Ying und Yang.
So sieht es der Chefredak­teur des STERN, einem Lifestyle-Mag­a­zin, das sich nun wirk­lich wie kein anderes Blatt aktiv gegen die Bohlens dieser Welt engagiert.

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Es wurde immer­hin heute mehr über Lycos gere­det als in den ver­gan­genen Jahren. Lycos Europe wird in die Inter­net­geschichte einge­hen als ein Witz der Dot-Com-Boom-Phase. Und um es gle­ich zu sagen, es ist heute sehr schlimm für die Mitar­beit­er. Von denen habe ich gehört, dass man inten­siv am und im Unternehmen arbeite und es wurde wieder und wieder das gute Kli­ma im Unternehmen gelobt. Es gibt gute Gründe, den Unter­gang von Lycos als schade zu beze­ich­nen. Auf Christoph Mohn möchte ich nicht rumhauen, das wer­den andere zur Genüge tun.
Was aber zum Ende von Lycos Europe auch fest­ge­hal­ten wer­den kann, ist, und dafür ist Mohn sich­er irgend­wie ver­ant­wortlich, wenn auch nicht allein, dass die altherge­brachte Ber­tels­mann-Strate­gie gefloppt ist: Der Gedanke, Kun­den vorzuset­zen, was die kaufen sollen (was in den 90ern im Inter­net noch klappte), anstelle den Kun­den aufs Maul zu schauen, und deren Inter­essen mit ade­quat­en (Internet-)Diensten zu unter­stützen. Sowas mag im Buch­club funk­tion­ieren, im Inter­net eben nicht. Ber­tels­mann hat im Inter­net, soweit ich weiß, nie Erfolg gehabt. Lycos ist da wohl nur derzeit die Spitze des Eis­bergs. Mag ich mit der Ein­schätzung auch voll daneben liegen, wir haben es hier mit einem der­ben Imageschaden für Ber­tels­mann und die Marke Lycos zu tun.
Dabei hat­ten sie dur­chaus Chan­cen. Der Lycos-Chat hat vor eini­gen Jahren genau die Nutzer ange­spült, die so heiß umkämpft gewe­sen sind: Junge, dynamis­che Leute, die miteinan­der in Kon­takt treten woll­ten, auf dur­chaus anspruchsvolle Weise. Der Lycos-Chat unter­schied sich von allen anderen durch Dinge, die Dien­ste wie Twit­ter auch ver­wen­den, und die damals neu waren: Ein direk­tes Mit­teilungssys­tem, eine eigene Darstel­lungs­seite, Sta­tis­tiken über Benutzer, die die eigene Seite anschaut­en. All das, was für viele Stu­di­VZ-Nutzer Neu­land bedeutete.
Und was machte Lycos? Man ver­suchte den Chat zu mon­e­tarisieren. Nutzer soll­ten Geld bezahlen für die Sta­tis­tiken und andere Eigen­schaften des Sys­tems. Und was macht­en die Nutzer? Sie sagten in Scharen Lycos Lebe­wohl. Sie ließen sich nicht das andrehen, was schein­bar auch kosten­los zu kriegen sein kann. Lycos hat eine erfol­gver­sprechende Idee leicht­fer­tig zum Ver­such des Mon­e­tarisierens aus der Hand gegeben. Ein Ver­such, der schon zuvor oft genug gescheit­ert war. Das müsste das sein, was Mohn ver­ste­hen müsste, wenn er sagt Lycos habe es nicht geschafft, seine Dien­ste zu mon­e­tarisieren. Weil nie­mand darauf geschaut hat, wer die Großzahl poten­tieller Kun­den ist und was die wohl inter­essiert, wenn klar ist, dass man denen nicht irgend­was zum Bezahlen aufs Auge drück­en kann. Mohn hat im let­zten Jahr aus­gerufen, man wolle nun auf web2.0‑Strategien bauen. Davon ist nichts geblieben. Stattdessen trat zeit­gle­ich Twit­ter seinen Siegeszug an — mit Strate­gien, die bei Lycos nach 12 Jahren im Inter­net­geschäft längst bekan­nt sein hät­ten müssen.
Müssen. Aber auf diese und diverse andere Man­age­ment­fehler ist wohl zurück zuführen, dass von den 672 Mil­lio­nen Euro aus der Dot-Com-Boom-Phase noch etwa 140 übrig geblieben sind. Das ist ein Minus von 500 Mil­lio­nen €. Und auch wenn es aus Grün­den der Umrech­nung nicht mehr nötig ist, so lassen sie sich die Zahl doch noch ein­mal auf der Zunge zerge­hen: Eine Mil­liarde DM.
Und damit Schluss für’s Erste. Auf zu neuen Ufern, liebe Lycosian­er. Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne.
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edit: Mohn sagt in einem ersten State­ment, man habe nicht mit Google mithal­ten kön­nen. Das stimmt sicher­lich, aber war das denn der Geg­n­er? Oder war man nicht vielmehr selb­st sein größter Geg­n­er?
Und wo ich “rumhack­en” schreibe, für sowas find­et sich immer jemand.

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Immer wenn ich nach Biele­feld fahre, bleiben mir etwa 20 Minuten am Bahn­hof, bevor es für mich weit­erge­ht. Und als ob Biele­feld bei nassem, düsterem Wet­ter nicht schon ernüchternd genug wäre, ist am Haupt­bahn­hof ziem­lich wenig los. Wenn es kalt ist, zieht es mich entwed­er in die Thalia-Buch­hand­lung dort oder in den McDonald’s. Bei­des keine Wahl par excel­lence, aber da drin ist es halt warm.
Heute nun stiefelte ich wieder die Bahn­hof­streppe hoch, durfte mich auf der Anzeigetafel am Ein­gang davon informieren lassen, dass meine Anschlußs­tadt­bahn ger­aaade wegge­fahren ist und schlug schlur­fend den Weg zu McDonald’s ein. Und wie ich so schlurfte über­holte mich links eilig ein etwa 10cm größer­er Mann im dun­klen Man­tel, wehen­den Schals das amerikanis­che Bil­ligessen­paradies erobern wol­lend. Er erre­ichte gut 20 Meter vor mir die Ein­gangstüren des Burg­ervertick­ers, drück­te sich — den Schwung mit­nehmend — auf­bäu­mend gegen die eis­er­nen Türschlaufen und hop­ste abgewiesen wieder zu Boden. Er drück­te ungläu­big nochmal, aber die Tür gab wieder nicht nach. Er stellte seinen Aktenkof­fer ab und schob seinen Stoffhut mit Rips­band etwas nach oben. Er drück­te — nichts. Die Tür blieb zu. Ungläu­big schaute er zu den grob­mo­torischen Tablett­trägern im Innern des Restau­rants, dann wieder auf die Tür, drück­te die linke Tür eben­so erfol­g­los, ver­set­zte dann dem Tür­griff einen Schlag mit der Hand und brüllte lau­thals:
“So eine Scheiße!”
In die abrupte aufgekommene Stille rund um den Ein­gang war jet­zt die Frage getreten, ob man eine schnelle Kehrtwende vol­lzieht und ein­fach den anderen Ein­gang an der Straße nimmt oder ob man der Dinge har­rt, die da kom­men wer­den. Aber bevor ich mir über­haupt eine Mei­n­ung bilden kon­nte, hat­te sich der Türschub­ser auch schon umge­dreht und schaute mich wutschnaubend an: “Alles läuft hier falsch! Es ist zum Kotzen! Nichts funk­tion­iert in Deutsch­land! Es ist alles kaputt! Und dann kommt die Merkel und wirft Geld aus dem Fen­ster! Jaaa, daaaaafür hamse Geld. Aber unsere­ins muss sehen, wo er bleibt. Aber es sagt ja nie­mand was. Sie sagen ja auch nichts.”
Ich nick­te im Geiste.
“Und die, die es kön­nten, die machen nichts. Und dann die Linken! Es ist doch alles lächer­lich. Lächer­lich ist das! Man darf gar nicht drüber nach­denken. Man regt sich nur auf! Das kön­nte denen so passen, ja das kön­nte denen so passen. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir! Da muss man doch was unternehmen! Eine ganz große Scheiße ist da am Laufen!”
Ich har­rte ihn an.
“Achhrrr” sagte der Wut­men­sch, zog seinen Hut etwas mehr ins Gesicht, warf mir eine weg­wis­chende Hand­be­we­gung zu, schnappte sich seinen Aktenkof­fer und schritt von dan­nen. Und damit ermöglichte er mir die freie Sicht auf die zwei kleinen Schilder, die an bei­den Türen mit­tig ange­bracht waren: “Ziehen.”

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Biele­feld wird gerne als Inbe­griff von Prov­inz ver­wen­det. Selb­st in Orten, die noch prov­inzieller daherkom­men als Biele­feld. Das ist ein­er­seits der Inhalt der Biele­feld-Ver­schwörung, der andere ist der Nerv-Fak­tor, den dieser ‘Witz’ Biele­feldern bere­it­et, wenn darauf Anspie­lende meinen, sie erzählten einen guten, ger­adezu neuen Witz.
Bei der Luh­mann-Preisver­lei­hung an Dworkin durch Haber­mas ver­wen­dete der Ober­bürg­er­meis­ter Biele­felds in Anwe­sen­heit dieser Per­so­n­en der Zeit­geschichte eine geschla­gene Vier­tel­stunde auf den Nach­weis, Biele­feld sei eben keine Prov­inz. Es gibt wohl keinen besseren Beweis dafür, dass Biele­feld Prov­inz ist, als dass man für die Aus­bre­itung der Gegen­these länger als eine Vier­tel­stunde braucht.
Das Prov­inzielle wird aber kaum ein Biele­felder bestre­it­en. Dabei ist die Möglichkeit der Mobil­ität, denke ich, wesentlich bedeut­samer für die Darstel­lung des eige­nen qual­i­ta­tiv­en Lebensstils als der momen­tane Aufen­thalt­sort.
Aber es gibt Kleinigkeit­en, da spielt sich das Prov­inzielle eben aus. Jed­er Biele­felder, zum Beispiel, ken­nt die “Begleit­musik” der Stadt­bahn. Steigt man an der End­hal­testelle aus, knarzt eine Frauen­stimme behar­rlich “Mobil sagt tschüss, bis zum näch­sten Mal.”. Und ich glaube, genau­so behar­rlich, lässt sich der gemeine Stadt­bah­n­fahrer nicht ern­sthaft von ein­er Ton­band­stimme grüßen.
Zum anderen wird an der Hal­testelle “Haupt­bahn­hof” eine Klin­gel­ton­ver­sion Beethovens Für Elise zur Vertrei­bung der ort­san­säs­si­gen Pen­ner ver­wen­det. Der Erfolg dieser Aktion ist, dass man die Pen­ner sage und schreibe 5 Meter links und rechts in die Flucht geschla­gen hat. Wenn über­haupt. Wäre ich Ini­tia­tor ihrer, würde ich sagen, die Aktion ist sub­op­ti­mal gelaufen, das Ziel eigentlich ver­fehlt. Müsste das der Ver­ant­wortliche nicht auch denken? Nur dann nicht, wenn es gar kein Ziel gegeben hat oder das Ziel oder die Aktion vergessen wurde. Sowas ist in der Prov­inz aber eben okay. Ein Auf­muck­en wird es da so wenig geben wie Danksa­gun­gen irgendwelch­er Bürg­er: “Liebe Stadt Biele­feld, vie­len Dank für diesen Beethoven-Klin­gel­ton, der die Pen­ner nervt. Er nervt uns zwar noch mehr, da er uns das elendi­ge Rum­ste­hen an der düsteren Hal­testelle frühzeit­ig ankündigt. Aber diese akustis­che Beläs­ti­gung ist eigentlich nichts gegen die vor­mals visuelle.”
Anhand der­ar­tiger Aktio­nen man­i­festiert sich Prov­inzial­ität, gese­hen als Rück­ständigkeit, wesentlich inten­siv­er als an geo­graphis­ch­er Lage.
Dass man die Straßen Biele­felds auch anders leerge­fegt bekommt, durfte little_james beim EM-Spiel Por­tu­gal gegen Deutsch­land fest­stellen:

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