Manchmal ist das, was das Käseblättchen so bringt, schon unfassbar:

Die braune Brut schwappt wütend durch die Nacht. Sie flutet die Straße vor der Synagoge und spült Hass und Pflastersteine durch berstende Fensterscheiben hinein. Möbel splittern. Der Toraschrein liegt in Trümmern, doch das reicht den Nazis nicht, sie wollen auch Menschen in Trümmern sehen. Die Nazis johlen. Ihre Nacht – ihre Jagd – hat erst begonnen. So oder ähnlich wird es gewesen sein.

Öh, ja. Und ein dunkler Wagen bretterte mit quietschenden Reifen Staub aufwirbelnd um die Straßenecke. So oder so ähnlich eben wird’s gewesen sein, oder ganz anders – wen interessiert das schon genau? Der Schrecken der Zeit des Nationalsozialismus in Ibbenbüren ist wohl für sich genommen noch nicht so dramatisch, da muss man sprachlich mit den Mitteln des Billigkriminalromans nochmal nachhelfen, ganz egal wie sehr das den eigentlichen Gegebenheiten entspricht oder nicht. Geht’s eigentlich noch? Damals hatte ich das noch für eine Eintagsfliege gehalten. Aber darüber wollte ich’s gar nicht haben.

Bei so mancher Lokalzeitung ist man ja schon über jedes extravagante Thema glücklich, das man bringen kann, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Es ist im Grunde auch nicht ganz verkehrt, 70 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz an diese Zeit zu erinnern. Aber es kann doch nicht nur darum gehen, eine alte Geschichte zu erzählen. Was für Folgen hatte denn die Zeit oder ist sie mit dem Ende des Wohnens jüdischer Mitbürger in Ibbenbüren abgeschlossen? Und was ist eigentlich mit den nichtjüdischen Opfern des Nationalsozialismus in Ibbenbüren? Wieso fallen die permanent unter den Tisch?

Aber darüber wollte ich’s auch nicht haben. Wenn man schon über das Thema schreibt und eine Liste jüdischer Opfer veröffentlicht, dann hätte man sich vielleicht auch die Mühe machen sollen, die richtige Schreibweise der Namen und den aktuellen Kenntnisstand über den Verbleib der Opfer, den man auch im Internet findet, zu recherchieren. Früher hieß das mal journalistische Sorgfaltspflicht. Aber darüber wollte ich’s auch nicht haben.

Mir geht es um den letzten Absatz:

Der Hopstener Joseph Davids hat in Amerika überlebt. Er erhob später Anklage gegen den Anführer des braunen Mobs. „Es ist mir bekannt geworden, dass er noch sein Geschäft in Ibbenbüren betreibt und unbelästigt seiner Wege geht.“ Der Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

Dass auch hier ein Opfer falsch geschrieben wird, ja, so ist das dann wohl. Man kann ja schon froh sein, dass da nicht steht, dass er mit kaltem Schweiss auf der Stirn und brüchiger Stimme wütend Anklage erhoben hat. So oder anders hätte es ja auch sein können. Aber wir schreiben das Jahr 2015 und in diesem Text wird der vermeintliche Täter nicht namentlich genannt, das ist doch interessant. Weil Hermann Dillhoff der Gründer des heutigen Modehauses Dillhoff ist?

Man müsste gar nicht unbedingt über ihn schreiben. Schließlich wurde er seitens der Strafbehörden zur Rechenschaft gezogen. Nur sah es für die Zuständigen auf britischer und deutscher Seite offenbar so aus, dass ihm nicht genug für eine Anklage nachgewiesen werden konnte.

Man kann einem Verdächtigen nicht vorhalten, wenn das Rechtssystem nicht greift. Man kann das Rechtssystem hierfür kritisieren. Ein vernünftiger Grund, den Namen des Verdächtigen zu verheimlichen, wenn man dieses Thema aufgreift, ist mir allerdings nicht ersichtlich.

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