Aber wir haben nicht viel getrunken

Der Artikel, der auf ivz-online.de zum Tötungsdelikt in Ibbenbüren zeitnah erschienen ist, ist akzeptabel: Gut, die Straße und die oft gezeigte Hausnummer sind Informationen, die keinen Nachrichtenwert haben, sondern nur der Informationsgier von Schaulustigen dienlich ist. Aber ansonsten ist er angemessen sachlich.

Zu sachlich, meinte man wohl in der IVZ, und machte aus diesem Artikel für die Printausgabe eine reißerische Geschichte, die so gar nichts mehr mit seriöser Berichterstattung zu tun hat:

Es steht ein Streifenwagen am Bürgersteig. Vor einem Einfamilienhaus, schmuck und weiß. Der Wagen ist aus, ein Polizist steht in der Tür. Ein paar Meter weiter an der Ecke parkt Polizeiauto Nummer zwei. […] Das Haus am Kirchenesch, es ist ein Tatort. Hier ist am Dienstag – irgendwann früh morgens – eine Frau gestorben. Ihr Mann hat sie erschossen.

Das ist nicht die Sprache, in der seriöse Berichterstattung formuliert wird, das ist die Sprache von billigster Kriminalunterhaltung. Wer immer in diesem Drama die Chance gesehen hat, seinem Hobbyschriftstellertum zu frönen, er lag beeindruckend daneben: Es werden Dinge beschrieben, die in Bezug auf die eigentlichen Sachlage vollkommen nebensählich und nicht-berichterstattenswert sind: Die Anzahl der Streifenwagen, der Ort, wo sie geparkt werden, der Aufenthaltsort eines Polizeibeamten, der Straßenname, die überflüssig vage Zeitangabe, kurzum: Die gesamte überflüssige Dramatisierung des Geschehens.

Nach diesen Sätzen kommt der ursprüngliche Text wieder durch, aber dann wird wieder zur Effekthascherei gegriffen, die angesichts dessen, worüber geschrieben wird, geschmacklos verfehlt ist:

Gesicherte Tatsache ist: Die Waffe war legal im Haus, der Mann war – wie auch seine Frau – als Jäger aktiv. Gefallen ist ein Schuss. […] „Ich bin komplett überrascht“, sagt ein Nachbar. Er unterhält sich mit einem älteren Kollegen aus der Fastnacht Poststraße/Kirchenesch. „Er war gestern noch bei mir zu Hause“, erzählt einer der beiden. Sie saßen bei Federweißem und Bier („aber wir haben nicht viel getrunken!“) zusammen und haben ein Bosselturnier vorbereitet.

Man könnte lachen über eine derartige Verfehlung, wenn der Kontext nicht so bitter wäre. Um es klar zu sagen: Der dramatisierte Nachbarschaftstratsch ist in dieser Form ist so geist- wie pietätlos. Die Zitate umfassen ungefähr die Hälfte der derart auftauchenden Sätze.

Es steht ein einziger Satz in diesem Artikel, der sachlich wirklich etwas erklärt:

Noch ist unklar, welches Drama sich zwischen der 49-jährigen Ärztin und ihrem Mann, einem 52-jährigen Kaufmann abgespielt hat.

Der Satz hätte als Berichterstattung auch ausgereicht. Nicht mal das Foto hätte es gebraucht. Aber damit kriegt man eben keine halbe Seite voll. Dafür braucht man Phantasie.

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