Moin

morgenkaffee
Mar­cus Jau­er kommt mit sei­nem Arti­kel Deut­sche Blog­ger stark in Bedräng­nis. Zunächst waren nur eini­ge Leser über den kurz zur re:publica 2010 erschei­nen­den Arti­kel etwas ange­säu­ert, aber nun wird die Kri­tik lang­sam ein­schnei­dend. Spür­bar lako­nisch hat­te Jau­er in die­sem Arti­kel geschrie­ben:

Er habe ein wer­ti­ges Umfeld gewollt, sagt Robin Mey­er-Lucht. Aber weil er von allen Blog­gern, die man getrof­fen hat, der ein­zi­ge ist, der kon­trol­lie­ren will, womit er zitiert wird, sagt er das jetzt nicht.

War­um Jau­er her­aus­hebt, das Mey­er-Lucht der ein­zi­ge sei, der kon­trol­lie­ren möch­te, womit er zitiert wird, mag Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che sein. Jeden­falls wer­den das künf­tig wesent­lich mehr Per­so­nen bei Jau­er tun: Sowohl John­ny Häus­ler bei Spree­blick als auch Felix Schwen­zel bei wirres.net sagen, dass Jau­er eini­ge ihrer Zita­te schlicht erfun­den hat. Und wer möch­te schließ­lich schon mit­tels Post­kar­ten zitiert wer­den, die zufäl­lig in der Woh­nung hän­gen?
Die­ter Matz geht in sei­nem Blog Matz ab! fel­sen­fest davon aus, dass der HSV heu­te sei­nen Trai­ner Bru­no Lab­ba­dia raus­wirft. [10:55h: Bru­no Lab­ba­dia ist ent­las­sen.]
Und Fried­rich Küp­pers­busch wirft wie­der ein­mal einen äußerst amü­san­ten Rück­blick auf die Woche, den man ein­fach selbst ganz lesen soll­te.
Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: Wer­den eigent­lich nur dann Zei­tungs­ar­ti­kel ver­ris­sen, wenn sie auch kos­ten­los online ste­hen? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.
[Foto: Luc van Gent]

Was ich noch sagen wollte zu… Aygül Özkan

Das kann ja noch sehr hei­ter wer­den mit Aygül Özkan: Zunächst erklärt sie ihre Zuge­hö­rig­keit als Mus­li­min zur CDU damit, dass sie über­ein­stimmt mit den Wer­ten, für die CDU steht. Das ist ja CDU-intern für sich schon ein Ham­mer: Jemand, der sich über sei­ne Den­k­ergeb­nis­se defi­niert, nicht über sei­nen Glau­ben. Und das als Mus­li­min. Dabei reprä­sen­tiert sie nur die vie­len, für die das C in CDU den­sel­ben Anspruch ent­hält wie das S in SPD: Die Ori­en­tie­rung an einem anstän­di­gen Mit­ein­an­der. Ob man das nun Nächs­ten­lie­be oder Soli­da­ri­tät nennt, das küm­mert die Wenigs­ten.
Aber damit noch nicht genug: Sie for­dert, dass sowohl Kopf­tü­cher als auch Kru­zi­fi­xe aus den Klas­sen­zim­mern ver­schwin­den. Deu­bel noch­mal! Ja, war­um soll­te es auch dem katho­li­schen Fun­da­men­ta­lis­mus anders erge­hen als dem isla­mi­schen?
Ich habe in mei­nem Bekann­ten­kreis auch Leu­te, die ich für offen hielt, die aber mit Sät­zen kamen wie: Das wird hier noch ganz anders, wenn die Mus­li­me über­all ihre Moscheen hoch­zie­hen und die­se Glau­bens­rich­tung an Gewicht zunimmt. Da steck­te eine laten­te Angst, eine ban­ge Vor­sicht drin. Als ob bei den Mus­li­ma eine auf­ge­klär­te Ori­en­tie­rung an so ein C oder S oder wie immer man es inter­pre­tie­ren möch­te, kom­plett undek­bar wäre.
Man sieht der­ar­ti­ge Hal­tun­gen auch ger­ne mal jour­na­lis­tisch auf­be­rei­tet in Über­schrif­ten wie heu­te bei der FAZ: Kann Aygül Özkan Minis­te­rin? Das soll wohl an die Lai­en-Cas­ting­show beim ZDF erin­nern und rückt Özkan in die Rol­le der maxi­mal talen­tier­ten Hob­by­po­li­ti­ke­rin. Dane­ben fin­det man bei der FAZ dann so böse Gedan­ken wie fol­gen­den:

Dass Aygül Özkan einen eben­falls tür­kisch­stäm­mi­gen Ehe­mann hat, einen Arzt aus Eppen­dorf, mag den einen zei­gen, wie sehr sie trotz allem „im Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ ver­haf­tet geblie­ben ist. Den ande­ren ist genau das ver­mut­lich ein beson­de­rer kul­tu­rel­ler Gewinn der Inte­gra­ti­on.

Die Idee, dass jeman­dem der­ar­ti­ge Gedan­ken gar nicht kom­men, ist der FAZ offen­sicht­lich fremd. Das resprekt­lo­se Rum­spe­ku­lie­ren über Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten hat offen­bar sei­nen siche­ren Platz in der FAZ.
Aber dar­um geht es mir nicht: Mit bei­den Gedan­ken­gän­gen reprä­sen­tiert Özkan den Typus des auf­ge­klär­ten Den­kers von heu­te. Wenn sie vor der eige­nen Par­tei nicht ein­knickt oder sich ihre Hal­tung als Oppor­tu­nis­mus ent­puppt, kann die Frau Gold wert sein. Das merkt man allei­ne schon an den Leu­ten, die sich so schnell gegen sie posi­tio­nie­ren:

Der CSU-Poli­ti­ker Herr­mann sag­te der “Rhei­ni­schen Post”, Deutsch­land sei von der christ­li­chen Tra­di­ti­on geprägt. Das sol­le auch der jun­gen Gene­ra­ti­on in den Schul­klas­sen ver­mit­telt wer­den. Der frü­he­re baye­ri­sche Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Tho­mas Gop­pel (CSU) ver­wies die Deutsch-Tür­kin Özkan auf das Grund­ge­setz. Die­ses sei nach der NS-Zeit mit aus­drück­li­cher Rück­be­sin­nung auf das christ­li­che Men­schen­bild ver­ab­schie­det wor­den, sag­te Gop­pel, Vor­sit­zen­der des Geprächs­krei­ses der “Christ­So­zia­len Katho­li­ken”.
Staats­mi­nis­te­rin Böh­mer sag­te am Mon­tag im Deutsch­land­funk, Deutsch­land ste­he in einer Jahr­hun­der­te alten christ­li­chen Tra­di­ti­on: “Kreu­ze in den Schu­len sind Aus­druck unse­rer Tra­di­ti­on und unse­res Wer­te­ver­ständ­nis­ses.” Die For­de­rung Özkans sieht Böh­mer jedoch nicht als Hin­der­nis für die CDU-Poli­ti­ke­rin, das Minis­ter­amt anzu­tre­ten. “Natür­lich sol­len Migran­ten alle Mög­lich­kei­ten in unse­rem Land haben”, beton­te Böh­mer.

Wie schön, dass man gleich einen Kri­ti­ker mit Begrif­fen wie Migrant deckelt. Aber die­se An-unse­re-Wer­te-Erin­ne­rer soll­ten sich ihrer­seits auch immer wie­der klar machen, dass die vor­ran­gi­ge Stel­lung, die das Chris­ten­tum heu­te in Deutsch­lands Bil­dungs­sys­tem genießt mehr mit Hit­ler als mit den Vätern des Grund­ge­set­zes zu tun hat. Und abge­se­hen davon: Das Kreuz ist mit­nich­ten Aus­druck “unse­res” Wer­te­ver­ständ­nis­ses.
Ihr Chef Chris­ti­an Wulff hat da wohl auch so sei­ne Pro­ble­me mit einer nicht dem Chris­ten­tum sich ver­pflich­tet füh­len­den Poli­ti­ke­rin:

In Nie­der­sach­sen wer­den christ­li­che Sym­bo­le, ins­be­son­de­re Kreu­ze in den Schu­len, sei­tens der Lan­des­re­gie­rung im Sin­ne einer tole­ran­ten Erzie­hung auf Grund­la­ge christ­li­cher Wer­te begrüßt.

Und Reli­gi­ons­frei­heit darf es da eben nur bei Schü­le­rin­nen und Zim­mer­wän­den geben:

Aus Grün­den der Reli­gi­ons­frei­heit wür­den auch Kopf­tü­cher bei Schü­le­rin­nen tole­riert — nicht aber bei Lehr­kräf­ten, was Özkan auch gemeint habe. „Frau Özkan hat ihre per­sön­li­che Mei­nung zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät geäu­ßert, aber sie stellt die nie­der­säch­si­sche Pra­xis nicht in Fra­ge.“

Zumin­dest nicht aus­drück­lich. Aber man kann so ein Abbü­geln natür­lich auch anti-auf­klä­re­risch auf­zie­hen, wie der Vor­sit­zen­de der Schü­ler-Uni­on:

Der Bun­des­vor­sit­zen­de der CDU-Nach­wuchs­or­ga­ni­sa­ti­on Schü­ler-Uni­on, Younes Oua­qas­se, for­der­te den nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Christan Wulff (CDU) auf, auf die Ernenn­nung Özkans zur Minis­te­rin zu ver­zich­ten. “Die­se Frau hat ihre Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten”, sag­te Oua­qas­se der “Bild-Zei­tung”. Durch Aus­sa­gen wie die von Özkan ver­lö­ren die Volks­par­tei­en CDU und CSU ihre Glaub­wür­dig­keit und damit ihren Rück­halt in der Bevöl­ke­rung.

Und so lan­ge der Rück­halt in der Bevöl­ke­rung nicht gesi­chert ist, so lan­ge muss Wahr­heit auch mal hin­ten anste­hen. Jona­than Swift hat das mal so for­mu­liert:

Tritt ein wah­res Genie in die Welt, erkennt es an den Idio­ten, die sich dage­gen ver­schwö­ren.


[ Foto: http://www.flickr.com/photos/teller/ / CC BY-NC-SA 2.0 ]