Moin

morgenkaffee
Es gibt doch noch sinn­vol­le Nach­trä­ge zur re:publica: Kiki beschreibt ihren zwei­ten Tag [ hier den drit­ten ] und man ist als Leser schon sehr froh, end­lich mal einen kri­ti­schen Text vor­ge­legt zu bekom­men, der nicht ledig­lich den rei­nen Ablauf eines Tagungs­ta­ges wie­der­gibt. Auch sprach­lich hebt die­ser sich her­aus.
Nes­sy hat etwas gekramt und schö­ne alte Fotos ihrer Island-Rei­se gefun­den.
Ste­fan Nig­ge­mei­er hält fest, wie der Kampf von Sil­va­na Koch-Mehrin gegen die Tages­schau-iPho­ne-Appli­ka­ti­on klä­gich geschei­tert ist und wie die­ser für deut­sche Medi­en auf ein­mal völ­lig unin­ter­es­sant ist.
Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: War­um sind Blog­ger-Tagun­gen eigent­lich nur so lan­ge sie lau­fen inter­es­sant? hole ich mir erst­mal noch einen Kaf­fee.
[Foto: Luc van Gent]

Was ich noch sagen wollte zu… den Schwarzmalereien der F.A.Z


Bei der F.A.Z. scheint man ein bestän­di­ges Inter­es­se an Schwarz­ma­le­rei­en zu haben. Das zeig­te sich vor Tagen an die­sem Arti­kel über Lite­ra­tur und Inter­net, dann an die­sem Arti­kel über Blog­ger und in die­sel­be Ker­be wie letz­te­rer schlägt dann heu­te die­ser Arti­kel von Harald Staun.
Was ist der Grund­te­nor die­ser Arti­kel? Es gibt einen Bereich, den ein paar Leu­te für inno­va­tiv hal­ten, man iden­ti­fi­ziert dann die­se Leu­te als Irr­läu­fer und den Bereich als unter einer Käse­glo­cke sei­end.
So liest sich dann auch der Text von Staun. Die­ser endet mit den Wor­ten

Wer sol­che Uto­pien hat, der ist natür­lich wirk­lich gegen jede Kri­tik immun.

Damit bezieht sich Staun auf Sascha Pal­len­berg, den Staun so ver­stan­den haben will, als habe er gesagt, man kön­ne ganz ein­fach dadurch mit Blogs Geld ver­die­nen, dass man täg­lich 72 Stun­den arbei­tet.
Lie­ber Herr Staun: Das war ein Witz. EIN WITZ!
Es ist natür­lich anzu­neh­men, dass Staun den Witz ver­stan­den hat, auch wenn offen­bar die­se aktu­el­le Stel­lung­nah­me von Pal­len­berg völ­lig an ihm vor­bei­ge­gan­gen sein muss. An die­ser Stel­le soll­te man nur die selt­sa­me Metho­de fest­hal­ten, mit der da ein Jour­na­list ver­sucht denen, die er da als Blog­ger aus­ge­macht hat, den Hals umzu­dre­hen:
Man neh­me eine wit­zig gemein­te Bemer­kung, rei­ße sie aus dem Zusam­men­hang und mache dann an ihr fest, dass der­ar­ti­ge Per­so­nen (“Wer sol­che Uto­pien hat”, d.i. “die Blog­ger”) die nöti­ge Ernst­haf­tig­keit für eine rea­lis­ti­sche Wahr­neh­mung feh­le. Fer­tig ist die Lau­be. (Wobei Staun für die Rich­tung sei­nes Arti­kels mit Sascha Pal­len­berg aller­dings auch kein untaug­li­che­res Bei­spiel hät­te her­an­zie­hen kön­nen.)
Ein mut­wil­lig miss­ver­stan­de­ner Witz ist der Schluss­punkt des Tex­tes von Staun, man kann sich also unge­fähr vor­stel­len, wel­che inhalt­li­che Tie­fe der Text bis­lang erreicht hat. Denn es ist auch völ­lig unklar, was unter der Kri­tik gemeint ist, von der Staun im letz­ten Satz redet. Und wer ist der Kri­ti­ker?
Einen wich­ti­gen Erkennt­nis­schritt sieht Staun zumin­dest hier­in:

Mit der Hin­fäl­lig­keit der Dicho­to­mie von online und off­line erle­digt sich aber auch der Ant­ago­nis­mus zwi­schen der tech­nik­ver­lieb­ten Blogo­sphä­re und jenen, die moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken ein­fach nur mit einer gewis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit benut­zen, ohne gleich einen Lebens­ent­wurf dar­aus abzu­lei­ten. Wenn der Ein­druck nicht täuscht, haben das auch die Blog­ger so lang­sam begrif­fen.

Wer sind jetzt wohl die Blog­ger? Wer ist die tech­nik­ver­lieb­te Blogo­sphä­re, die ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken als Lebens­ent­wurf sehen? Und wer hat wohl eher ver­stan­den als die Blog­ger, die ja nur lang­sam begrei­fen?
Nein, für Staun und offen­sicht­lich auch die F.A.Z. sind Blog­ger eben nur das, was für die katho­li­sche Kir­che die Athe­is­ten sind: Geist­lo­se Wirr­köp­fe, die ein sta­bi­les Sys­tem kaputt machen.
Des­we­gen sym­pa­thi­siert Staun dann auch mit Netz­kri­ti­ker Lovink und kan­zelt Peter Kru­se ab, bevor er inhalt­lich was zu die­sem gesagt hat, und eben­so Felix Schwen­zel und Sascha Pal­len­berg. Man tei­le die Men­schen ein­fach in zwei Grup­pen ein und cha­rak­te­ri­sie­re die Grup­pen dann an Ein­zel­be­trach­tun­gen von ein paar ein­ge­ord­ne­ten Per­so­nen. So ein­fach ist das:

Im Gro­ßen und Gan­zen aber schei­nen selbst all jene, die sich lan­ge für digi­ta­le Auto­chtho­ne gehal­ten haben, für die India­ner des Inter­nets gewis­ser­ma­ßen, begrif­fen zu haben, dass sich der Zugang zum “Ach­ten Kon­ti­nent” (Peter Gla­ser) nicht so ein­fach regeln lässt wie zur “re:publica”, mit der Ver­ga­be von All-inclu­si­ve Bänd­chen also.

Ein­deu­tig zu wenig Meta­phern in die­sem Satz, wenn Sie mich fra­gen. Aber gut, jemand, der den Witz von Pal­len­berg nicht schnallt, dem traue ich auch zu, dass er jeman­den für voll nimmt, der ihm erzählt, er wol­le sein gan­zes Leben mit einem ein­zi­gen All-inclu­si­ve-Bänd­chen bestrei­ten. Offen­sicht­lich hat Staun ja sol­che Leu­te auf der re:publica getrof­fen. Wenn er denn da war.
Die F.A.Z. soll­te mal drin­gend zuse­hen, dass sie die Geis­ter mal wie­der los wird, die sie da so geru­fen hat, denn eine Ziel­grup­pe für solch schwarz­ma­len­de Jour­na­lis­mus-Durch­hal­te­pa­ro­len-Arti­kel ist mir — abge­se­hen von Jour­na­lis­ten sel­ber — ziem­lich unbe­kannt.

Aktua­li­sie­rung:

Tho­mas Knü­wer hat Sascha Pal­len­berg auf die Bemer­kung mit den 72 Stun­den ange­spro­chen, wor­auf die­ser erwi­dert:

Ich habe in mei­nem Vor­trag zur Blog-Mone­ta­ri­sie­rung pro­vo­zie­rend gesagt: “Mein Tag hat 48h und ich brau­che 72″. Das war auch ein Slide. Dann bin ich aus­fuehr­lich dar­auf ein­ge­gan­gen, dass ich zwi­schen 12 und 16h am Tag arbei­te und woll­te damit Blog­gern die Illu­si­on neh­men, dass man im Inter­net in 5 Minu­ten reich wer­den kann.

Wie sag­te Pis­pers mal so tref­fend:

Das Ein­zi­ge, was an die­sem Jour­na­lis­mus noch kri­tisch ist, ist sein Geis­tes­zu­stand.