Suche Entt√§uschung f√ľrs Leben

Heute ist ein schön­er Tag und aller­höch­ste Zeit, sich mal wieder die Kleinanzeigen vorzunehmen. Ein alt­bekan­ntes Spiel, aber immer wieder lustig.

Du bist schw. und allein?

Schw.? Schwanger? Schw­er­hörig? Ich dachte erst schwul, aber das passt nicht so:

Er, 42 J., su. Sie f√ľr gel. erot Tre¬≠f¬≠fen.

Tja, also, wenn ger¬≠ade eine Dame akut schw. ist, ver¬≠rate Sie mir doch, was das heisst. Man muss ja auf dem Laufend¬≠en bleiben.  Ver¬≠st√§ndlich¬≠er ist da schon dieses:

Hal¬≠lo Unbekan¬≠nte. Du, dkl. haarig, mit Jeans. Ich habe Dich am Sam¬≠stag, 5. Sept., ca. 12.30‚Äď13.00 Uhr bei Deichmann/Real Kauf gese¬≠hen. Ich war auf der Suche nach der Wei√üen Sohle.

INDIANER !!!!

3 Zick­en suchen einen Bock, der nicht nur seine Hörn­er zeigt.

Ich sag‚Äôs immer wieder: So Meta¬≠phern wer¬≠den √ľber¬≠be¬≠w¬≠ertet.

Ruhiger Mann, 62. J., suche nach schw¬≠er¬≠er Ent¬≠t√§uschung f√ľr den Rest meines Lebens

Har¬≠monie wird auch √ľber¬≠be¬≠w¬≠ertet, sich¬≠er, sich¬≠er. Aber gle¬≠ich so neg¬≠a¬≠tiv die Sachen ange¬≠hen? Und so endg√ľltig? Ach so, geht weit¬≠er:

eine liebe, nette Part­ner­in zum Ver­lieben.

Ich dacht schon.

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Die neue Dörflichkeit oder: Hinterm Horizont geht’s weiter

Eine der mod¬≠er¬≠nen Zivil¬≠i¬≠sa¬≠tion¬≠skrankheit¬≠en ist ja das, was ich mal men¬≠tale Prov¬≠inzial¬≠it√§t nen¬≠nen m√∂chte: Das per¬≠s√∂n¬≠liche Unbe¬≠ha¬≠gen damit, dass man in der Prov¬≠inz wohnt, aber auch der √Ąu√üerungs¬≠drang, dass man ja ger¬≠ade nicht in ein¬≠er Prov¬≠inz wohnt, nicht Prov¬≠inz ist. F√ľr mich sind das zwei Seit¬≠en ein¬≠er Medaille.
Biele¬≠feld ist eine Stadt, auf die der Begriff der Prov¬≠inz eigentlich schon immer ges¬≠timmt hat. In direk¬≠ter N√§he sind die Haup¬≠tquartiere von Gro√ü¬≠fir¬≠men wie Ber¬≠tels¬≠mann, Dr. Oetk¬≠er, Miele, sowas ist aber offen¬≠sichtlich kein Gegenin¬≠diz. Vor ein paar Jahren ging der Biele¬≠felder Wis¬≠senschafts-Preis an Ronald Dworkin. Lauda¬≠tor war damals J√ľr¬≠gen Haber¬≠mas. Der dama¬≠lige Ober¬≠b√ľrg¬≠er¬≠meis¬≠ter lie√ü sich die Gele¬≠gen¬≠heit nicht nehmen, um auch eine kleine Rede zu hal¬≠ten. Er sprach dar√ľber, weswe¬≠gen Biele¬≠feld so inter¬≠es¬≠sant sei, was so sch√∂n sei, warum Biele¬≠feld eben keine Prov¬≠inz sei. Die Rede dauerte 15 Minuten. Einen besseren Beweis, dass Biele¬≠feld Prov¬≠inz ist, h√§tte der Ober¬≠b√ľrg¬≠er¬≠meis¬≠ter nicht liefern k√∂n¬≠nen, als das er ver¬≠an¬≠schaulichte, dass man min¬≠destens eine Vier¬≠tel¬≠stunde braucht, um das Gegen¬≠teil zu behaupten.
Nun gibt es aktuell eine gewisse Bele­bung in dieser Debat­te men­taler Prov­inzial­ität. Und ich neige immer stärk­er dazu, dass man auch Großstät­tern men­tale Prov­inzial­ität unter­stellen kann. Man muss also nicht in tat­säch­lich eher ländlichen Gebi­eten leben, um unter den Fol­gen von Prov­inzial­ität zu lei­den. In Biele­feld merkt man ja auch, dass viele gar nicht darunter lei­den und insofern gar nicht prov­inziell sind, zumin­d­est nicht men­tal.
Es hat einen Artikel von Matthias Kalle in der in Ham¬≠burg erscheine¬≠nen ZEIT gegeben, der sich damit besch√§ftigt, dass ange¬≠blich pl√∂t¬≠zlich ein M√ľnchen-Hype aus¬≠ge¬≠brochen sei. Pro¬≠vokant wird gefragt: ‚ÄěWie kon¬≠nte es dazu kom¬≠men?‚Äú Das ist wohl die Stelle, die prov¬≠inzielle M√ľnch¬≠n¬≠er gekr√§nkt hat: Sollte M√ľnchen inzwis¬≠chen gar nicht mehr w√ľrdig sein, ‚Äěin‚Äú zu sein? Der Text selb¬≠st kr√§nkelt widerum daran, dass der Autor glaubt, M√ľnchens Charak¬≠ter¬≠is¬≠tik nur anhand klein¬≠er Par¬≠ty- und Mode¬≠mo¬≠mente, gespickt mit der neuen deutschen D√∂r¬≠flichkeit fest¬≠machen. Daraus kann keine gute M√ľnchen-Beschrei¬≠bung entste¬≠hen.
derstenz
Daraus kann aber offen¬≠sichtlich eine Kr√§nkung von M√ľnch¬≠n¬≠ern entste¬≠hen, wie der Text Roxy Munich von Beate Wild hat Fieber ein¬≠drucksvoll unter Beweis stellt. Man ist etwas pikiert √ľber die Ein¬≠stel¬≠lung, M√ľnchens Sub¬≠kul¬≠tur erst 2009 f√ľr her¬≠aushebenswert zu eracht¬≠en.  ‚ÄěSch√∂n, dass der Rest Deutsch¬≠lands endlich mal erf√§hrt, dass M√ľnchen eine Sub¬≠kul¬≠tur hat.‚Äú Ver¬≠suchen Sie mal einen Satz zu for¬≠mulieren, der noch prov¬≠inzieller klingt. Ein klein¬≠er, zus√§t¬≠zlich¬≠er Sch√∂n¬≠heits¬≠fleck dieses Satzes ist: Von M√ľnchens Sub¬≠kul¬≠tur hat der Rest Deutsch¬≠lands bis heute nicht wirk¬≠lich erfahren, denn deutsche Feuil¬≠letons sind nun mal nicht mehr massen¬≠wirk¬≠sam. Und eine Sub¬≠kul¬≠tur ist eben nur in Verbindung mit der Kul¬≠tur, von der sie Sub¬≠kul¬≠tur sein m√∂chte, les¬≠bar.
Das heisst, es geht um M√ľnchen: Die einzige Metro¬≠pole Bay¬≠erns, wo sich das, was sich Sub¬≠kul¬≠tur nen¬≠nt, dem √ľbrigge¬≠bliebe¬≠nen Schickim¬≠ic¬≠ki ent¬≠ge¬≠gen stemmt. Ein Kampf gegen die Giu¬≠lia Siegels dieser Welt. Ein M√ľnchen, das heute im Schat¬≠ten Berlins als Deutsch¬≠lands einziger Welt¬≠stadt ste¬≠ht. Wobei, wenn man in Berlin wohnt, man ja meist eh in irgen¬≠deinem kleinen Berlin¬≠er Vier¬≠tel behei¬≠matet ist, das f√ľr sich so gar nichts hat. Aber Berlin ist eben eine Stadt f√ľr K√ľn¬≠stler und f√ľr die, die sich f√ľr K√ľn¬≠stler hal¬≠ten, ein Kul¬≠turepizen¬≠trum, dessen Ausw√ľchse allerd¬≠ings au√üer¬≠halb Berlins schon kaum noch jeman¬≠den inter¬≠essieren. Den¬≠noch ist der 30‚ā¨-Flug M√ľnchen-Berlin stark nachge¬≠fragt, f√ľr manchen ist dies der Ausweg aus der eige¬≠nen men¬≠tal¬≠en Prov¬≠inzial¬≠it√§t. Vielle¬≠icht f√§llt die auch in Berlin ein¬≠fach nicht so auf, weil man auf Br√ľder und Schwest¬≠ern im Geiste trifft.
Wenn sie das Feuil¬≠leton der Frank¬≠furter All¬≠ge¬≠meinen Zeitung auf¬≠schla¬≠gen, k√∂n¬≠nen sie genau das in den Berlin¬≠er Artikeln rausle¬≠sen: Dem Schreiber ist es wichtiger √ľber irgen¬≠det¬≠was zu schreiben, weil es in Berlin stat¬≠tfind¬≠et, als auf den Punkt zu kom¬≠men, der der Sache nach inter¬≠es¬≠sant sein soll. Schlim¬≠mer ist das nur noch in den Aus¬≠gaben von der Fre¬≠itag. Das macht widerum die in M√ľnchen her¬≠aus¬≠gegebene S√ľd¬≠deutsche Zeitung so inter¬≠es¬≠sant: Die Abwe¬≠sen¬≠heit eines allt√§glichen Drangs von Lokalpa¬≠tri¬≠o¬≠tismus, der ger¬≠ade in let¬≠zter Zeit zum Aus¬≠graben wirk¬≠lich guter The¬≠men gef√ľhrt hat, die in handw¬≠erk¬≠lich her¬≠vor¬≠ra¬≠gen¬≠den Tex¬≠ten unterkom¬≠men.
Heutzu­tage ist so ein biss­chen Prov­inzial­ität vielle­icht gar nicht so verkehrt.

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